Aus Heft 51 – 2002

 

 

Ein besonderes Grabdenkmal

 

Die letzte Ruhestätte von Heinrich Schwabe (1846-1924) und Julius Lincke (1909 – 1991) auf dem St. Johannisfriedhof.

 

Der liegende Grabstein auf dem Grab 778 ist fast völlig mit Epitaphien bedeckt. Die älteste Gedenkplatte stammt aus dem Jahre 1554. Ihr Text lautet: ”Ano 1554 Jar den 6 tag Augusti Verschidt Der Erber Herr Lucas Brem Der alhie Begraben Liggt Dem got Genedig Und Parmherczig sey Ame.” Darunter angegossen ist eine pilastergerahmte Bogennische mit Vollwappen. Dieses zeigt in Anspielung auf den Familiennamen unter einem Stechhelm mit zwei Büffelhörnern auf einem Schrägbalken drei fliegende Bremsen, ”Bremen” im Dialekt. Der Handelsmann Lucas Brem besaß zeitweise das Haus zum goldenen Löwen Theresienplatz 10.

 

Das größere Epitaph darüber ließ sich Hans Flentz schon acht Jahre vor seinem Tode errichten. Der Text lautet: ”Des Erbern Hans Flentz, seiner Hausfrau und ihrer Erben Begr. 1588.” Oberhalb dieser Tafel befindet sich ein kunstvolles Portal, auf dessen Kapitell ein von einer Schlange durchbrochener Totenkopf angebracht ist. Seitlich sind zwei Engelchen zu sehen und jeder Säulenfuß ist mit einer Sphinx geschmückt. Helmzier und Wappen auf der heraldisch rechten Seite zeigen einen bärtigen Mann in Schweizer Habit bis an die Knie, der in der erhobenen rechten Hand einen Pfeil zum Wurf bereit hält, während der Schild für die Frau auf einem Schrägbalken wieder die drei fliegenden Bremsen zeigt: Flentz hatte nämlich 1559 die Tochter Marie des Lucas Brem geheiratet, der allerdings zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben war. Hans Flentz starb 1596, seine Frau erst 1614.

 

 

 

 

 

 

Am Kopfende des Grabsteins weist eine pultartig hochgestellte, mit einem Engelskopf verzierte Metallplatte darauf hin, dass in diesem Grab auch Heinrich Schwabe und seine Angehörigen beerdigt sind. Der Bildhauer Heinrich Schwabe, * 1846 in Wiesbaden, + 1924 in Nürnberg, wurde 1875 Professor für figürliche Plastik an der Kunstgewerbeschule Nürnberg. Seine Hauptwerke sind: der Brunnen zur Erinnerung an die erste deutsche Eisenbahn (einst Plärrer und Stadtgrenze, jetzt Fürther Strasse), die Apostelfiguren in der St. Elisabethkirche (zusammen mit Professor Kittler) sowie die Karl-Grillenberger-Büste auf dem Westfriedhof. Auf dem St. Johannisfriedhof schuf er das Medaillon-Bildnis von Anselm Feuerbach (715), Sarkophag und Bildnisbüste für I. M. Bauer (II K 131/132), das Bildnis-Medaillon für J. A. Amm (I Nr. 4) und den Christus vor Ädikula (Arkaden Nr. 13).

 

 

 

 

Unmittelbar hinter dem Grabstein, eingefasst von hohen Sträuchern, ist ein altes, verziertes schmiedeeisernes Grabkreuz zu sehen, auf dessen Mittelschild geschrieben steht: ”Architekt Horst Schwabe Y 17.5.1909 λ 10.4.1942 gefallen in Russland als Leutnant d(er) Pion(iere).” Darunter ist auf einem später angebrachten, bescheidenen schmalen Schriftband zu lesen: ”Julius Lincke * 6.7.1909, + 20.11.1991 Lina Lincke * 17.1.1913 + 2.11.1991.” Es ist der unscheinbare Hinweis, dass in dieser Grabstätte zusammen mit seiner Gattin auch Baudirektor Julius Lincke beigesetzt ist, der so viel zur Rettung Nürnberger Kunstschätze und historischer Bausubstanz beigetragen hat.

 

 

 

 

 

 

Julius Lincke hat über Jahrzehnte hinweg das Erscheinungsbild unserer Stadt mit- geprägt. Geboren in München war er Schüler bei German Bestelmeyer, dem Architekten der Friedenskirche. 1933 kam er als junger Referendar an das Landbauamt Nürnberg, um unter der Leitung von Professor Esterer den alten Zustand der Kaiserburg wieder herzustellen. Hierbei lernte er nicht nur den Wert des Handwerklichen zu schätzen, sondern sich auch feinfühlig in die alte Handwerkskunst hineinzudenken. Anschließend war Lincke als Mitarbeiter des städtischen Amtes für Denkmalpflege und ab 1937 als dessen Leiter für viele Restaurierungen von historischen Gebäuden in Nürnberg verantwortlich. Fachwerkhäuser wurden saniert, ebenso das Heilig-Geist-Spital, das den Dachaufsatz auf seinem fotogenen Erker wieder erhielt. Die Kaisererstallung wurde von ihm zur Jugendherberge umgebaut, Fembohaus und Stadtmauer restauriert. Linckes Arbeiten hatten Vorbildcharakter, in der Denkmalpflege sah er nicht nur berufliche Verpflichtung.

 

 

Der Kriegsausbruch 1939 unterbrach abrupt diese stadtbildpflegerische Tätigkeit. Nun baute Lincke die Felsenkeller östlich der Burgstrasse für den Luftschutz aus, eine Maßnahme, die vielen Menschen während der Bombenangriffe das Leben rettete. Lincke wurde aber auch einer der maßgeblichen Verfechter des Kunstluftschutzes, bei dem Nürnberg im gesamten Reichsgebiet führend war. Zusammen mit Baureferent Schmeißner und dem Luftschutzdezernenten Dr. Fries wurden von ihm schon im ersten Kriegsjahr vorbeugende Maßnahmen getroffen, wobei die Hauptlast bei Julius Lincke lag. Vor den Kirchenportalen wurden Splitterschutzwände angebracht, Kunstwerke von bedeutendem Wert mit einem Betonmantel umgeben, z.B. Schöner Brunnen, Sakramentshäuschen in St. Lorenz und das Sebaldusgrab. Bewegliche Kunstschätze aus Museen und Bibliotheken und besonders aus Kirchen (z.B. Engelsgruß von Veit Stoß) wurden in einem neuerrichteten Kunstbunker oder im Neutorturm eingelagert und konnten auf diese Weise vor den Vernichtungen des Luftkrieges gerettet werden. Das trifft auch auf die Reichskleinodien zu.

 

Nach dem Krieg verlor wie so viele andere Beamte auch Julius Lincke sein Amt bei der Stadt. Doch sein Wissen und seine Fähigkeiten waren mehr denn je gefragt. Als freiberuflicher Architekt leitete er den Wiederaufbau der Lorenzkirche, die schon sieben Jahre nach Kriegsende wieder eingeweiht werden konnte. Außerdem war Lincke verantwortlich für den Wiederaufbau von Heilig-Geist-Spital, Kaiserstallung und Luginsland, alles historische Gebäude mit besonderer Bedeutung für das Erscheinungsbild Nürnbergs.

 

1956 kehrte Lincke in den städtischen Dienst zurück, wurde 1963 Baudirektor, aber jetzt mit anderen Aufgaben betraut. Er leitete den Aufbau des Altersheims am Kettensteg und wirkte beim Ausbau des neuen Sebastianspitals ebenso mit wie beim Ypsilon-Bau des städtischen Krankenhauses und der HNO-Klinik. Sein Spezialwissen über die Denkmalpflege konnte er erst wieder so recht nach seiner Pensionierung 1971 zur Geltung bringen. Unzählige Arbeiten der Altstadtfreunde wurden von ihm betreut, er forcierte die Herstellung einer Kopie der Reichskleinodien für Nürnberg und war kundiger Berater beim Wiederaufbau des alten Rathaussaales.

 

So hat Julius Lincke sich unschätzbare Verdienste um Nürnbergs historische Bausubstanz erworben und das gleich dreimal: bei der Altstadtsanierung vor dem Kriege, bei der Rettung von Kunstschätzen im Kriege und dann beim Wiederaufbau des zu seiner Heimatstadt gewordenen Nürnbergs. Völlig zu recht wurde er 1984 mit der Nürnberger Bürgermedaille ausgezeichnet.

 

 

Kurt Müller

 

Fotos: Felix Kilian